Deutschlands Autobauer im Rückstand: Analyst warnt vor existenziellem Zeitdruck
Deutschlands Autokonzerne stehen vor einem tiefgreifenden Umbruch
Frankfurt am Main. Die einstige Stärke der deutschen Autokonzerne erodiert rapide. Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau skizziert der Branchenanalyst Philipp Raasch ein düsteres Szenario: Ein technologischer Rückstand von rund 15 Jahren gegenüber China, schrumpfende Marktanteile und ein nötiger Wechsel von der Mechanik zur Software dürften die Industrie in den kommenden Jahren tiefgreifend verändern.
Raasch, der als Autopreneur bekannt ist und zuvor bei Mercedes-Benz arbeitete, nennt drei Schlüsseltechnologien, die künftig den Wert eines Fahrzeugs bestimmen werden: Batterie, Software und Künstliche Intelligenz. Diese Kompetenzfelder liegen nach seiner Einschätzung nicht im historischen Kern Deutschlands als Maschinenbauernation. Der Verbrennungsmotor, lange Zeit der wirtschaftliche Burggraben, verliert an Bedeutung – und damit das ökosystemische Knowhow, das Deutschland lange dominierte.
Wegzug von Arbeitsplätzen und neue Qualifikationsanforderungen
Die Konsequenz ist zweifach: Produktion wird in günstigere Länder verlagert, und in Deutschland schrumpft die Nachfrage nach traditionellen Fertigungsjobs. Elektromotoren und modularisierte Plattformen erfordern weniger manuelle Montage, dafür aber deutlich mehr Software- und KI-Expertise. Raasch erwartet deshalb einen Wandel der Belegschaften hin zu Software-Engineering, Batterieentwicklung und datengetriebenen Kompetenzen.
Zugleich macht er auf strukturelle Probleme aufmerksam: Große Konzerne lassen sich schwer transformieren, arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen und hohe Produktionskosten in Deutschland verlangsamen die Anpassung. Gewerkschaften und Arbeitnehmerrechte spielen eine wichtige Rolle beim Schutz von Beschäftigten, verkomplizieren aber auch schnelle Neuausrichtungen in einer disruptiven Phase.
Chinas Strategie und das globale Wettrennen
China habe nicht primär deutsche Modelle nachgebaut, so Raasch, sondern ein eigenes, vollständig integriertes Ökosystem geschaffen. Seit Jahrzehnten werde in Lieferketten, Batteriezellenfertigung, Softwareentwicklung und KI investiert. Dieses gezielte «Leapfrogging» erlaubte es chinesischen Herstellern, beim Smart Car schnell aufzuholen. Das Ergebnis ist ein zunehmender Druck auf europäische Hersteller, die Marktanteile einbüßen und ihre wertschöpfenden Entwicklungsschritte ins Ausland verlagern.
Raasch warnt: Ohne radikale Neuausrichtung droht binnen fünf bis zehn Jahren ein massiver Einbruch für den Standort Deutschland. Zwar könnten chinesische Firmen bei einer Expansion in Europa auch lokale Jobs schaffen, der nettoeffekt ist jedoch nach seiner Einschätzung eher negativ für die traditionellen deutschen Produktionsstandorte.
Was tun?
Der Analyst rät, zwei Wege zu prüfen: Entweder rasch aufholen in Batterie-, Software- und KI-Forschung, was angesichts des 15 Jahre betragenden Rückstands extrem schwierig wäre, oder gezielt neue Technologiefelder abseits des klassischen Automobils identifizieren, in denen Deutschland einen globalen Vorteil ausbauen kann. Unabdingbar sei zudem ein strategischer und mutiger Wandel in der Führungsetage: Mehr Vision, weniger Appell zum Mehrschaffen ohne Produktstrategie.
Die Lage bleibt angespannt. Ende 2025 waren noch rund 720000 Menschen in der deutschen Automobilbranche beschäftigt. Raasch erwartet, dass diese Zahl unter Druck bleibt, solange Produktion und zentrale Entwicklungsaufgaben zunehmend ins Ausland wandern und die Wertschöpfung sich verschiebt.
Die Analyse liest sich als Weckruf an Industrie, Politik und Bildungssystem: Nur mit nationaler, langfristiger Strategie und gezielter Ausbildung für neue Kompetenzen lässt sich die Wettbewerbsfähigkeit sichern. Andernfalls könnte die deutsche Autoindustrie vor tiefgreifenden Strukturbrüchen stehen.