Längere Arbeitstage, gleicher Lohn: Der falsche Weg aus der Krise
Längere Arbeitszeiten lösen nicht Deutschlands Probleme
Berlin — Die Debatte um mehr Arbeitszeit hat in den vergangenen Monaten an Schärfe gewonnen. Bundeskanzler Friedrich Merz fordert eine Rückkehr zu längeren Arbeitszeiten als Antwort auf wachsende wirtschaftliche Sorgen, und Berichte über Pläne bei Konzernen wie Mercedes, die Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden zu erhöhen, heizen die Diskussion weiter an. Doch die vorgeschlagene Rechung ist zu kurzsichtig und übersieht die strukturellen Ursachen für den Rückgang von Wohlstand und Produktivität.
Die Bundesregierung plant eine Reform des Arbeitszeitgesetzes, die sich an EU-Richtlinien orientieren soll und eine flexiblere Höchstarbeitszeit vorsieht. Arbeitsministerin Bärbel Bas kündigte einen entsprechenden Entwurf für Juni an. Befürworter sehen darin mehr Flexibilität und bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Kritiker warnen vor längeren Tagesarbeitszeiten, die Gesundheit, Familienleben und Arbeitsmarktteilhabe belasten könnten.
Arbeitsmedizinische Forschung legt nahe, dass längere Arbeitstage nicht folgenlos bleiben. Eine Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2025 warnt vor einem erhöhten Risiko für Burnout, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen chronischen Leiden bei regelmäßig mehr als acht Stunden Arbeit am Tag. Zudem steigen Unfallrisiken, und die Planbarkeit von Arbeit sinkt, was besonders Mütter und pflegende Angehörige trifft und ihre Teilhabe am Arbeitsmarkt weiter erschweren kann.
Das Kernproblem liegt jedoch woanders: Deutschland hat seit Jahren einen Rückstand bei Digitalisierung, Infrastruktur und Bürokratieabbau. Viele Haushalte haben kaum Rücklagen, steigende Miet-, Energie- und Lebensmittelkosten verringern die Konsumfähigkeit, und Unternehmen kämpfen mit Investitionshemmnissen. Mehr Stunden allein erhöhen nicht die Produktivität. Eurostat-Daten zeigen, dass Deutschlands Produktivität gegenüber dem EU-Durchschnitt deutlich geschrumpft ist; Wohlstand entsteht durch Effizienz, Qualifikation und Investitionen, nicht durch längere Präsenzzeiten.
Ökonomische Stimmen, etwa Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, betonen: «Deutschland ist nie durch mehr Arbeitszeit reich geworden und wird es auch nie.» Statt über Schuldzuweisungen an angeblich zu wenige Arbeitsstunden zu diskutieren, müsse die Politik in Bildung, Technologie, Infrastruktur und eine entbürokratisierte Investitionsumgebung investieren.
Prominente Wortmeldungen wie die des Ehrenpräsidenten eines großen Fußballvereins, der mehr Arbeit als Lösung propagiert, entlarven eine vereinfachte Denkweise: Mehr Arbeit ist kein Automatismus für mehr Wohlstand, wenn die Rahmenbedingungen fehlen. Eine kluge Reformpolitik sollte deshalb nicht an der Uhrzeit zerren, sondern an Produktivität, sozialer Absicherung und der finanziellen Stabilität von Haushalten ansetzen.
Die Diskussion wird weitergehen. Entscheidend wird sein, ob Politik und Wirtschaft jetzt die Ursachen angehen, die echten Hemmnisse beseitigen und so eine nachhaltige Grundlage für mehr Wachstum schaffen.