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Tarifrunde in der Autoindustrie droht zu eskalieren: Arbeitszeiten sollen steigen, Sonderzahlungen fallen

29. August 2026

Autobauer drängen auf Arbeitszeiterhöhung und Einschnitte bei Sonderzahlungen

Vor der Herbst-Tarifrunde zeichnet sich in der Metall- und Elektrobranche ein harter Konflikt ab. Große deutsche Hersteller fordern offenbar eine Rücknahme von Vergünstigungen und eine Ausweitung der Arbeitszeit, während Beschäftigte und Gewerkschaften entschlossen sind, Kürzungen nicht hinzunehmen. Die Debatte dreht sich um Löhne, Sonderzahlungen und den Schutz von Arbeitsplätzen in einer Phase tiefgreifender struktureller Veränderungen.

Das Statistische Bundesamt beziffert das durchschnittliche Bruttojahresgehalt in der Fahrzeugproduktion derzeit auf 92.893 Euro. Damit liegen Arbeitnehmer in diesem Sektor rund 44 Prozent über dem Branchendurchschnitt. Arbeitsmarktexperten führen die vergleichsweise hohen Einkommen auf starken Organisationsgrad der Gewerkschaften und hohe Produktivität zurück.

Eine Auswertung von Konzernberichten zeigt große Spreizungen zwischen den Herstellern: Für VW ergibt sich ein durchschnittliches Jahresgehalt von etwa 65.000 Euro, bei BMW knapp 82.000 Euro, bei Mercedes rund 89.000 Euro und bei Porsche mehr als 100.000 Euro. In Einzelfällen verdienen Beschäftigte bei Porsche deutlich über 300.000 Euro jährlich. Besonders hohe Vergütungen sind in der Region Stuttgart zu beobachten, nicht zuletzt wegen des Entwicklungszentrums Weissach, wo viele spezialisierte Ingenieurinnen und Ingenieure beschäftigt sind.

Gleichzeitig befindet sich das Entgeltsystem bei Konzernen wie VW in umfangreichen Reformprozessen: Neu-Eingruppierungen sind geplant, tarifliche Zusatzzahlungen sollen nach Unternehmensangaben um bis zu sechs Prozent sinken, wobei Neubeschäftigte besonders betroffen wären. Managementboni sollen künftig stärker an individuelle Zielerreichung gekoppelt werden.

Sonderzahlungen und Freistellungen stehen auf dem Prüfstand

Mehrere Hersteller haben bereits Bestandteile ihrer Sonderzahlungen reduziert oder ausgesetzt. Bei Mercedes erhielten Tarifbeschäftigte 2025 verschiedene zusätzliche Zahlungen wie Gewinnbeteiligung und Urlaubsgeld. Interne Unterlagen deuten jedoch darauf hin, dass Teile dieser Zahlungen künftig wegfallen könnten. VW zahlt derzeit bestimmte Zusatzvergütungen nicht aus, und auch Ergebnisbeteiligungen sowie erhöhtes Urlaubsentgelt sind reduziert oder suspendiert worden. Bei BMW und Porsche wurden etwa Weihnachtsgeldzahlungen gekürzt. Manche tariflich vereinbarten Pausenregelungen konnten Beschäftigte jedoch verteidigen.

Streit um die Wochenarbeitszeit

In der Branche gilt seit Mitte der 1990er-Jahre überwiegend eine 35-Stunden-Woche. Aktuell arbeiten Angestellte inklusive Überstunden im Schnitt 36,9 Stunden pro Woche. Mit seiner Forderung nach einer Rückkehr zur 40-Stunden-Woche hat der Vorsitzende des Aufsichtsrats eines Herstellers eine neue Kontroverse ausgelöst. Gewerkschafter und Arbeitsmarktexperten sehen die Ursachen für die Wettbewerbsprobleme der Branche weniger in zu hohen Lohnkosten als in Innovationsdefiziten sowie in strukturellem Wandel.

Die IG Metall weist darauf hin, dass Lohnkosten nur einen vergleichsweise kleinen Anteil an den Gesamtkosten der Automobilproduktion ausmachen und warnt davor, durch Arbeitszeiterhöhungen zusätzliche Arbeitsplätze zu gefährden, gerade in einer Phase schwacher Auftragseingänge.

Beschäftigungsabbau und Proteste

Die Zahl der Beschäftigten bei Autobauern und Zulieferern in Deutschland ist seit dem Höchststand 2018 von rund 833.000 Menschen deutlich gesunken und liegt aktuell bei etwa 691.000, ein Rückgang von rund 17 Prozent. Für die kommenden Jahre wird mit weiteren Einschnitten gerechnet: Bei einzelnen Herstellern sind umfangreiche Stellenkürzungen in Diskussion, teils im fünfstelligen Bereich. Als Reaktion hat die IG Metall bereits zu einem bundesweiten Aktionstag am 21. September aufgerufen und vor einem «Ausbluten der Branche in Deutschland» gewarnt.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Autoindustrie ist nach wie vor groß: Der Sektor trägt rund vier Prozent zur gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung in Deutschland bei. Vor dem Hintergrund technologischer Umbrüche, internationaler Konkurrenz und hoher Investitionsbedarfe dürfte die anstehende Tarifrunde deshalb als Gradmesser für die Zukunftsfähigkeit der Branche gelten.

Stuttgart bleibt als Zentrum vieler Entwicklungs- und Produktionsstandorte ein besonderes Beispiel dafür, wie sich Gehaltsstrukturen, Tarifkonflikte und Arbeitsplatzentwicklung vor Ort auswirken. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Tarifparteien Kompromisse finden oder ob es zu harten Auseinandersetzungen kommt.

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