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Autobauer am Scheideweg: Bis zu 30 Prozent der Beschäftigten könnten fallen

04. Mai 2026

Deutsche Autoindustrie vor tiefgreifendem Wandel

Die deutsche Automobilbranche steht nach Einschätzung des IfA-Direktors Professor Stefan Reindl vor einer der massivsten Umstrukturierungen ihrer Geschichte. In einem Gespräch mit der Redaktion skizziert Reindl die Ursachen, das mögliche Ausmaß des Arbeitsplatzabbaus und die Fragen, die jetzt über der gesamten Wertschöpfungskette schweben.

In Geislingen macht Reindl deutlich, dass mehrere Faktoren gleichzeitig wirken: Handelspolitische Unsicherheiten mit hohen US-Zöllen, starker Wettbewerb aus China, hohe Produktionskosten in Deutschland sowie der technologische Wechsel hin zum batterieelektrischen Fahrzeug. Zusammen führten diese Entwicklungen zu einem erheblichen Anpassungsdruck bei Herstellern und Zulieferern.

Reindl warnt: «Werden wohl bis zu 30 Prozent der Beschäftigten verlieren» – eine Größenordnung, die aus geringeren Produktionsvolumina, Automatisierung und dem geringeren Fertigungsaufwand für E-Antriebe resultiere. Der Experte betont, dass es sich nicht um eine punktgenaue Prognose, sondern um eine realistische Bandbreite handele.

Besonders hart trifft es Zulieferbetriebe, die stark vom Verbrennungsmotor und hohen Stückzahlen abhängig sind. Wenn klassische Komponenten entfallen oder erheblich verändert werden, geraten Lieferketten, Investitionen und Geschäftsmodelle unter Druck. Insolvenzen, Übernahmen und Standortverlagerungen seien zu erwarten, sagt Reindl.

Gleichzeitig gebe es Bereiche, in denen Deutschland weiter punkten könne: Premium- und Luxussegmente mit hoher Wertschöpfung und Margen blieben kritisch für den Standort. Hersteller wie BMW und Volkswagen hätten Vorteile durch breite Aufstellung und Produktion in mehreren Ländern. Bei Mercedes sieht Reindl hingegen größere Herausforderungen, weil Kostenstruktur, strategische Kurswechsel und Eigentümerkonstellation zu zusätzlichem Druck führen können.

Reindl kritisiert vergangenes Zögern: Viele Entscheider hätten die Dynamik der Konkurrenz aus China und die Geschwindigkeit des technologischen Wandels unterschätzt. Zugleich bemängelt er, dass politische und regulatorische Rahmenbedingungen den Anpassungsprozess erschwerten. Klare, verlässliche Leitplanken würden Investitionsentscheidungen und den Umbau erleichtern.

Zur Zukunft des E-Autos in Deutschland sagt Reindl, dass ein vollständiges Verschwinden der Branche nicht zu erwarten sei. Realistischer seien aber deutlich geringere Produktionsmengen und ein stärkerer Fokus auf Effizienz, Softwarekompetenz und regionale Marktbedürfnisse. Ein früheres Ziel von 15 Millionen E-Autos bis 2030 erscheint ihm heute unrealistisch; acht bis zehn Millionen gelten als plausibler Szenario, sofern Förderung, Infrastruktur und Angebot stimmen.

Seine Botschaft an Politik und Industrie lautet: Rasches, konsequentes Handeln ist nötig, um die Basis für neue Wettbewerbsfähigkeit zu legen. Mit klugen Investitionen, schnellerer Digitalisierung und einer stärkeren Fokussierung auf Schlüsseltechnologien lasse sich der Verlust an Bedeutung verhindern oder zumindest eindämmen. Ohne entschlossene Anpassung drohen jedoch spürbare Wohlstandsverluste in besonders abhängigen Regionen.

Kurzporträt
Professor Dr. Stefan Reindl leitet das Institut für Automobilwirtschaft IfA und forscht seit Jahrzehnten zu Strukturwandel, Marktstrategien und Wertschöpfung in der Automobilbranche. Seine Einschätzungen spiegeln die Perspektive eines langjährig vernetzten Branchenkenners wider.

Der Bericht stützt eine Nachricht von: schwaebische.de

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